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Die Wahrheit und das Fell
Im Malatelier der Kunstdidaktin Ursula Wigger gehen einem die Sinne auf.
DIESSENHOFEN. Die schlanke Tasse mit dem Kaffee, den Ursula Wigger mir angeboten hat, in der Hand und gerade im Begriff, auf dem Flur eine falsche Richtung einzuschlagen - so holt mich die Malerin, Zeichnungslehrerin, Atelierbetreiberin ein. Und sofort sind wir mitten in einem kunstphilosophischen Gespräch; sie erklärt das «simultane Zeichnen» - man schaut dabei auf das bewegte Objekt, sagen wir, ein Blatt im Wind, und führt dabei den Zeichenstift, quasi blind.
Wir machen ein paar Schritte, bleiben vor Tonfiguren von Eseln stehen, die eine Schülerin geformt hat. Frage: Was macht der Bauch, wenn ein Tier liegt, wo will er hin? Antwort: Er will zur Erde; sein Gewicht gibt der ihn anziehenden Schwerkraft nach. Selbstverständlich? Wohl nicht ganz. Wieso sonst müsste man sich mit diesen fundamentalen Fragen des Gestaltens so ernsthaft auseinander setzen, wie es üblich ist in den Kursen, die Ursula Wigger anbietet?
Atelier als Schnittstelle
Der Anlass für unseren Besuch war die erste Atelierausstellung mit Arbeiten von Schülerinnen Ursula Wiggers. Die Ausstellungsstücke zeigen Werdegänge auf. Und zeugen von konzentrierten Gestaltungsprozessen. Thema: Der Mensch und der Raum, in dem er lebt. Diese dynamische Beziehung will Ursula Wigger vermitteln. Sie zieht ein zerfleddertes Reclam Bändchen aus dem Regal. Martin Heidegger: «Der Ursprung des Kunstwerks». Ursula Wigger liess sich nach der Kunstgewerbeschule in Kunsttherapie ausbilden, widmete sich ausser der Psychologie auch der Philosophie. Unabdingbarer geistiger Kontext für sie. Nach Heidegger muss die Wahrheit immer wieder der Erde entrissen werden. Ich erwähne die von den Schülerinnen gemalten Erdbeeren und Zitronen an den Wänden im Flur. Ja, sagt Ursula Wigger, es sei darum gegangen, die Qualität Süss oder Sauer herauszuarbeiten. Malen als Angelegenheit aller Sinne: sich befreien von der «Diktatur der Augen». Ursula Wigger hat einmal den Regen gezeichnet. Ohne hinzusehen. Einfach nach dem Rhythmus des fallenden Wassers. Sich verlieren im Tun. Und wieder zu sich kommen. Erstaunt sein über das, was man geschaffen hat.
Alles, nur kein Ausdrucksmalen
Zurück zu den Eseln. Die Schülerinnen zeichneten das Fell. Mit Kohle. Luftig und struppig zugleich. Wer bei Ursula Wigger einen Kurs belegen will, muss keine Bedingungen erfüllen: «Ich bin da - jeder kann kommen.» Wer sich allerdings mit Ausdrucksmalen beschäftigen möchte, ist bei Ursula Wigger fehl am Platz, denn das bietet sie in ihren Kursen im Malatelier am Obertor 30 in Diessenhofen überhaupt nicht an.
Bild: Das Atelier als Forum. Die Kunstdidaktin Ursula Wigger an der Schwelle zwischen Innen und Aussen.
VON ALFRED WÜGER
SCHAFFHAUSER NACHRICHTEN • MITTWOCH, 10. SEPTEMBER 2003
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